Echte Volksmusik wird andachtsmäßig zelebriert

Was ist aber mit der „echten“ bayerischen Volksmusik ? Die traditionelle Volksmusik ist von ihrem Selbstverständnis her genau das Gegenteil der Volkstümlichen und überläßt ihrer Namensklitterin ohne die leiseste Gegenwehr mit angewiderter Verachtung das Feld. Trotz intensiver Pflege durch Heimat- und Volksmusikpfleger siecht sie ziemlich schwerkrank vor sich hin. Unspektakulär ist ihre Selbstdarstellung und Unterhaltungselemente werden von den „hundertprozentigen Volksmusikpäpsten“ - von denen es eine ganze Menge vor allem in führenden Positionen gibt - generell gleichgesetzt mit Show - Schnickschnack und sind deshalb streng verpönt. Echte Volksmusik soll andachtsmäßig zelebriert werden, Humor gilt als Sakrileg.

Die Texte und Stückeln der „gepflegten“ Volksmusik sind die Zierde jedes Bauernhofmuseums. Einfach, geradlinig und bäuerlich, also echt bayerisch, ist das Bild vieler Volksmusiker von sich selbst. Sie pflegen Musik in dem Bewußtsein, letzte Mohikaner zu sein, auch wenn sie tagsüber bei Siemens oder der City Bank arbeiten. Das Dorf wird von der Volksmusikpflege und ihren Aktiven vorwiegend in der Kirche gelassen, Frömmigkeit und ’s bayerische Herz sind stark ausgeprägt - der Unterleib wird meist vergessen. Andacht ist die richtige Stimmung bei einem Hoagascht in den Pfarrheimen und Volksbildungsstätten. Von Knechten und Mägden handeln die Lieder, vom schönen Fruahjohr, von Fuhrleuten, Rössern, Bauern und dem Herrgott. Wie bei volkstümlichen Musikern ist eine eigenartige Scheu zu konstatieren, die Welt so zu sehen, wie sie ist. So singen die unzähligen Dreigesänge halt am liebsten weiter über Scherenschleifer, Hirtabuam, Mägde und Knechte statt über zünftige Siemensler. Auf de Oima gibt’s Koima und keinerlei Massentourismus oder Massentierhaltung in den Tälern. Hauptsache, im Lied ist das Altmühltal kein Altmühlkanal. Man muß diese Bezüge zur Jetztzeit bestimmt nicht bierernst bringen, aber das völlige Ignorieren jeglicher Realität führte zum Austrocknen und zum Museumszustand der Volksmusik.

Schade drum ! Es liegt ja soviel Kraft, Witz und Schönheit in dieser Musik, daß es schon weh tut, ihren Niedergang beobachten zu müssen. Die traditionelle Volksmusik ist tausendfach vielfältiger als der einfältige volkstümliche Kitsch. Natürlich gibt es auch schlechte unter den „echten“ Volksliedern, aber sie sind nie verlogen und bloß für einen schnellebigen Supermarkt hergestellt. Daß sie oft so fad gesungen werden, liegt an den Gruppen, die immer die gleichen Stücke auswählen und vor allem an den Sängern, denen die Reinheit des Dreiklangs wichtiger ist als die Lebendigkeit und Gaudi beim Singen. Von großer Bedeutung dafür, daß ein so reichhaltiger Volksliederschatz erhalten geblieben ist, waren zweifellos die großen Sammler wie Kiem Pauli, Kurt Huber und Wastl Fanderl, um nur die populärsten zu nennen. Trotzdem darf man nicht übersehen, daß sie aus „volkspädagogischen“ Gründen einen wichtigen Bereich von Liedern ausschlossen. Der Wert ordinärer, deftig erotischer oder obrigkeitsfeindlicher Lieder wurde nicht erkannt. Teils wurden sie gar nicht gesammelt, wudurch ein verfälschtes, geschöntes Bild des Volkes geschaffen wurde, teils weigert sich eine prüde Volksmusikgemeinde, solche Lieder wahrzunehmen. Ein Lied wie „Es wollt ein Bauer früh aufstehn“ aus dem Glogauer Liederbuch des 16. Jahrhunderts wäre in seiner Deftigkeit und Aufmüpfigkeit („Der Pfaff der schrie o Schreck o Graus und hielt den Arsch zum Fenster raus“) auf einem Volksmusiktreffen heute absolut undenkbar. Solche Lieder und Texte, die Aggressionen und Wutgefühle gegen weltliche und geistliche Obrigkeiten ausdrückten und früher ebenso verbreitet waren wie „schöne“ Lieder, fielen fast gänzlich unter den Tisch. Wenige erkannten wie Georg Queri, der in seinem Buch „Kraftbayerisch“ Haberfeldtreiben, erotische Lieder und Gstanzl aufzeichnete, den Wert solcher Lieder als ungeschminkten Ausdruck des Volkes. Dadurch, daß inzwischen die meisten großen Volkssänger wie der Roider Jackl, Kraudn Sepp, Weiß Ferdl, Josef Eberwein oder die Geschwister Simböck aus dem Innviertel gestorben sind, hat die Volksmusik die letzten Persönlichkeiten verloren, die noch Volksliedtexte schrieben und originell vortrugen.

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